Bescheidenheit als medizinische Erkenntnisstärke
Medizinisches Wissen kann weit reichen und dennoch unvollständig bleiben.
Gerade bei komplexen biologischen Systemen ist Bescheidenheit deshalb keine Schwäche des Denkens, sondern eine Voraussetzung seiner Qualität.
Bescheidenheit bedeutet nicht:
- auf Wissen zu verzichten, - Entscheidungen zu vermeiden, - jede Aussage für gleich unsicher zu halten.
Sie bedeutet:
- die Grenzen des eigenen Wissens zu kennen, - Beobachtungen ernst zu nehmen, die nicht zum bisherigen Modell passen, - Hypothesen nicht mit Tatsachen zu verwechseln, - die eigene Perspektive nicht mit der ganzen Wirklichkeit gleichzusetzen, - andere Fachrichtungen einzubeziehen, wenn ihre Kompetenz benötigt wird, - Entscheidungen revidieren zu können, wenn neue Informationen entstehen.
Je komplexer das Leben, desto wichtiger wird die Fähigkeit, entschieden zu handeln, ohne die eigene Erkenntnis für vollständig zu halten.
Bescheidenheit und Handlungsfähigkeit sind deshalb keine Gegensätze.
Gute Medizin verbindet beides: ausreichende Klarheit für den nächsten verantwortbaren Schritt und ausreichende Offenheit, diesen Schritt später neu zu bewerten.