Medizin lebendiger Systeme
Ein lebendiges System unterscheidet sich von einem unbelebten Gegenstand oder einer einfachen Maschine. Es erhält sich, reguliert sich, reagiert auf seine Umwelt, passt sich an, entwickelt sich und verändert durch seine Antworten zugleich die Bedingungen seines weiteren Lebens.
Der menschliche Organismus besitzt zahlreiche miteinander verbundene Ebenen:
- Zellen, Gewebe und Organe,
- Stoffwechsel und Immunsystem,
- Nervensystem und hormonelle Regulation,
- Wahrnehmung, Verhalten und Erfahrung,
- Beziehungen und soziale Bedingungen,
- Lebensrhythmus, Umwelt und Lebensgeschichte.
Diese Ebenen lassen sich wissenschaftlich unterscheiden, wirken im lebenden Menschen jedoch nicht unabhängig voneinander. Veränderungen an einer Stelle können Rückwirkungen auf andere Bereiche haben. Lineare Ursache-Wirkungs-Modelle bleiben wichtig, reichen für komplexe Verläufe aber nicht immer aus.
Eine Medizin lebendiger Systeme fragt deshalb nicht nur nach einzelnen Bestandteilen. Sie fragt auch nach Beziehungen, Dynamiken, Rückkopplungen, Anpassungen, Reserven, Grenzen und zeitlichen Entwicklungen.
Der Mensch ist kein beliebig zerlegbares Spielfeld. Er ist ein lebendiges Ganzes, in dem jede medizinische Handlung neue Antworten hervorrufen kann.