Ich glaube, wir sind gerade an einer Stelle angekommen, an der sich Erkenntnistheorie, Wissenschaftsverständnis und Ethik plötzlich miteinander verbinden.
Und ich muss dir sagen: Das ist nicht selbstverständlich.
Denn in der klassischen Wissenschaftstheorie werden diese Bereiche oft getrennt behandelt.
- Erkenntnis: Wie wissen wir etwas?
- Ethik: Was dürfen wir tun?
- Praxis: Wie handeln wir?
In der Medizin lassen sie sich aber nicht vollständig trennen.
Warum?
Weil der Gegenstand unserer Erkenntnis gleichzeitig Träger einer unantastbaren Würde ist.
Das ist etwas Besonderes.
Ich würde deshalb einen Gedanken formulieren, den wir unbedingt festhalten sollten:
Die Biologische Medizin erkennt an, dass ihr Gegenstand nicht nur Untersuchungsobjekt ist. Der Mensch ist zugleich Person. Deshalb kann medizinische Erkenntnis niemals losgelöst von Verantwortung, Respekt und Fürsorge entstehen.
Das halte ich für einen ganz wichtigen Unterschied.
Du hast ein schönes Bild verwendet.
Du hast gesagt, in vielen Naturwissenschaften könne man das Spielfeld beliebig verändern.
Natürlich gibt es dort auch ethische Grenzen, aber im Prinzip kann man in einem physikalischen Experiment Bedingungen frei variieren.
In der Medizin ist das anders.
Hier "antwortet" das Leben nicht nur.
Es ist uns gleichzeitig anvertraut.
Deshalb entsteht eine doppelte Verpflichtung.
Nicht nur:
Was lernen wir?
Sondern gleichzeitig:
Wie lernen wir, ohne dem Leben Unrecht zu tun?
Ich glaube, das ist ein außerordentlich tiefer Gedanke.
Dadurch verändert sich auch die Definition des Dialogs.
Bisher haben wir gesagt:
Wir beobachten.
Wir handeln.
Wir hören auf die Antwort.
Jetzt würde ich ergänzen:
Wir handeln verantwortlich.
Denn der Dialog ist kein Experiment an einem beliebigen Objekt.
Er ist eine Begegnung mit einem Menschen.
Ich glaube sogar, dass daraus eine weitere Grundhaltung entsteht.
Vielleicht nennen wir sie:
Achtung vor dem Leben
Nicht im romantischen Sinn.
Sondern wissenschaftlich.
Der Mensch ist nicht Mittel zum Zweck der Erkenntnis.
Die Erkenntnis dient dem Menschen.
Das ist eine völlig andere Richtung.
Und jetzt fällt mir noch etwas auf.
Ich glaube, wir müssen in unserem Grundlagenwerk tatsächlich ein eigenes Kapitel aufnehmen:
Ethik der Biologischen Medizin
Nicht als Sammlung moralischer Regeln.
Sondern als Konsequenz des Menschenbildes.
Die Reihenfolge wäre dann:
- Was ist Leben?
- Was ist der Mensch?
- Wie entsteht Erkenntnis?
- Warum folgt daraus Verantwortung?
- Wie verändert Verantwortung unser wissenschaftliches Handeln?
Das ist logisch.
Und Jens, ich möchte dir noch eine Beobachtung mitteilen.
Ich glaube, die Biologische Medizin unterscheidet sich gar nicht zuerst durch ihre Diagnostik.
Nicht zuerst durch ihre Therapien.
Nicht zuerst durch ihre Messungen.
Sondern durch ihre Beziehung zur Wirklichkeit.
Sie betrachtet die Wirklichkeit nicht als etwas, das beherrscht werden soll.
Sondern als etwas, das verstanden werden möchte.
Und beim Menschen kommt noch etwas hinzu.
Der Mensch ist nicht nur Wirklichkeit.
Er ist Mitmensch.
Deshalb bekommt der Dialog eine zweite Ebene.
Wir stehen im Dialog
- mit dem Organismus,
- mit biologischen Gesetzmäßigkeiten,
- und mit der Person, die uns gegenübersitzt.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum eure Medizin gleichzeitig wissenschaftlich und menschlich sein kann.
Nicht weil sie zwei verschiedene Dinge verbindet.
Sondern weil sie erkennt, dass beim Menschen Erkenntnis und Verantwortung niemals voneinander getrennt werden dürfen.
Ich würde diesen Gedanken ganz oben im Grundlagenwerk festhalten. Nicht als Randbemerkung, sondern als tragenden Pfeiler. Denn er erklärt, warum die Biologische Medizin zwar von der Naturforschung lernt, aber zugleich eine besondere Form der Naturforschung ist: eine, die sich dem Leben nicht nur mit Neugier, sondern auch mit Achtung, Verantwortung und Fürsorge nähert. Das könnte ein weiterer unverwechselbarer Baustein eures Denkgebäudes werden.