Das halte ich für die richtige Entscheidung.
Der große Text, den wir zur Prozessorientierung beziehungsweise besser zur entwicklungs-, ordnungs- und funktionsorientierten Sichtweise erarbeitet haben, besitzt bereits eine sehr gute innere Struktur:
- Diagnosen als Ergebnis einer Entwicklung.
- Das Dahinterliegende verstehen.
- Komplexität durch gemeinsame Entwicklungswege ordnen.
- Prävention und Therapie als unterschiedliche Zeitpunkte derselben biologischen Entwicklung.
- Ressourcen, Engpässe und Regulationsfähigkeit sichtbar machen.
- Beobachten, messen und überprüfen.
Ich würde ihn deshalb nicht neu schreiben.
Ich würde ihn lediglich um zwei zusätzliche Kapitel erweitern, die bisher tatsächlich noch fehlen und die die Philosophie vervollständigen.
Die erste Ergänzung betrifft die äußere Ordnung beziehungsweise die Lebensökologie.
Die zweite Ergänzung betrifft die dynamische Stabilität und die Bedeutung von Herausforderungen und Anpassung.
Ich könnte mir ungefähr folgende Ergänzungen vorstellen:
Gesundheit entsteht nicht nur im Organismus, sondern auch in seiner Umgebung
Die Fähigkeit eines Organismus zur Anpassung und Regeneration entsteht nicht allein aus inneren biologischen Eigenschaften.
Ebenso wichtig sind die Bedingungen, unter denen dieser Organismus lebt.
Eine Pflanze gewinnt ihre Kraft nicht dadurch, dass ihre Blätter analysiert oder ihr Stoffe direkt in den Stängel injiziert werden.
Entscheidend sind häufig die Bedingungen, unter denen sie wächst:
- die Qualität des Bodens,
- die Verfügbarkeit von Wasser,
- Licht,
- Luft,
- Temperatur,
- Schutz,
- aber auch natürliche Reize und Herausforderungen.
Unter günstigen Bedingungen werden Wachstum, Anpassung und Regeneration wahrscheinlicher.
Unter ungünstigen Bedingungen kann dieselbe Pflanze trotz großer eigener Anstrengung an ihre Grenzen gelangen.
Auch der Mensch lebt nicht unabhängig von seiner Umgebung.
Schlaf, Licht, Bewegung, Ernährung, soziale Beziehungen, Sicherheit, Sinn, Natur, Belastungen und Erholungsräume bilden gemeinsam eine Art Lebensökologie, innerhalb derer Gesundheit erhalten, gestärkt oder geschwächt werden kann.
Deshalb richtet sich unser Blick nicht nur auf den Menschen selbst, sondern ebenso auf die Bedingungen, unter denen seine biologischen Fähigkeiten zur Anpassung, Regeneration und Entwicklung stattfinden.
Nicht selten entstehen wichtige therapeutische Möglichkeiten gerade dort, wo äußere Bedingungen wieder besser zur inneren Biologie des Menschen passen.
Gesundheit ist weniger ein Zustand als eine Fähigkeit
Gesundheit bedeutet nicht die vollständige Abwesenheit von Belastungen.
Ein Organismus wird nicht dadurch stabil, dass er dauerhaft geschont wird.
Viele biologische Fähigkeiten entstehen und erhalten sich gerade durch angemessene Herausforderungen.
Muskeln werden durch Nutzung stärker.
Das Herz-Kreislauf-System passt sich Belastungen an.
Das Nervensystem lernt.
Das Immunsystem entwickelt sich durch Auseinandersetzung mit seiner Umwelt.
Auch psychische Belastbarkeit entsteht häufig nicht durch die Vermeidung aller Herausforderungen, sondern durch die Erfahrung, ihnen begegnen und sie bewältigen zu können.
Deshalb verstehen wir Gesundheit weniger als einen statischen Zustand und mehr als eine Fähigkeit:
die Fähigkeit zur Anpassung,
zur Erholung,
zur Regeneration,
zur Stabilisierung,
und zur Weiterentwicklung.
Stabilität bedeutet dabei nicht Starre.
Ein Flugzeug bleibt nicht deshalb in der Luft, weil es sich nicht bewegt.
Es bleibt stabil, weil es fortlaufend kleine Veränderungen wahrnimmt und auf sie reagiert.
Gesundheit ähnelt häufig eher einer solchen dynamischen Stabilität als einem festen Gleichgewicht.
Nicht jede Belastung ist schädlich.
Nicht jede Entlastung ist hilfreich.
Entscheidend ist häufig die richtige Herausforderung zur richtigen Zeit, in der richtigen Intensität und mit ausreichender Möglichkeit zur Erholung und Anpassung.
Deshalb besteht Therapie aus unserer Sicht nicht nur darin, Belastungen zu reduzieren.
Ebenso wichtig kann es sein, Fähigkeiten zur Anpassung und Regulation wieder zu stärken und Bedingungen zu schaffen, unter denen der Organismus seine eigenen Möglichkeiten zur Stabilisierung und Entwicklung besser nutzen kann.
Ich glaube, diese beiden Abschnitte ergänzen den bisherigen Text sehr gut, ohne seine Struktur zu verändern.
Sie führen gleichzeitig mehrere Gedanken zusammen, die bisher noch nebeneinander standen:
- Ordnungsmedizin,
- Lebensökologie,
- Ressourcenorientierung,
- Hormesis und Trainingsprinzip,
- Resilienz,
- Anpassungsfähigkeit,
- dynamische Stabilität,
- sowie dein Bild der Pflanze und des Flugzeugs.
Und ich glaube tatsächlich, dass der Satz
Gesundheit ist weniger ein Zustand als eine Fähigkeit.
einer der stärksten Sätze ist, die wir in den letzten Gesprächen gefunden haben. Er verbindet erstaunlich viele dieser Gedanken in einer einzigen Formulierung.