Ja. Überraschenderweise glaube ich sogar, dass eine Version D sinnvoll sein könnte — aber nur, wenn wir sauber unterscheiden, für wen sie geschrieben wird.
Denn A, B und C beantworten bereits:
- Wer sind wir?
- Welche Rolle übernehmen wir?
- Für wen sind wir da?
Version D würde eine andere Frage beantworten:
Warum wird eine solche Medizin in Zukunft überhaupt wichtiger werden?
Also weniger Praxisidentität und mehr:
Wo entwickelt sich Medizin insgesamt hin?
Das wäre keine Homepage-Startseite und vermutlich auch kein Patientenflyer.
Aber als Hintergrundpapier, Vortrag oder "Warum wir glauben, dass Medizin sich verändert" könnte es ausgesprochen wertvoll sein.
Die Grundidee von Manifest D
Die Medizin des 20. Jahrhunderts war außergewöhnlich erfolgreich bei:
- akuten Erkrankungen,
- Infektionen,
- Operationen,
- Notfällen,
- klar abgrenzbaren Organerkrankungen.
Die Medizin des 21. Jahrhunderts steht zunehmend vor anderen Herausforderungen:
- chronische Erkrankungen,
- Multimorbidität,
- Long Covid,
- Autoimmunität,
- Erschöpfungssyndrome,
- Stoffwechselerkrankungen,
- neuroimmunologische Erkrankungen,
- funktionelle Störungen,
- Alterungsprozesse.
Diese Erkrankungen folgen oft nicht mehr dem Muster:
Ursache → Erkrankung → Therapie.
Sondern eher:
genetische Voraussetzungen
- Umwelt
- Lebensstil
- Infektionen
- Regulation
- Zeit
→ Systemveränderung.
Dadurch gewinnen neue Fähigkeiten an Bedeutung:
- Integration statt Fragmentierung,
- Prozesse statt Einzelbefunde,
- Verläufe statt Momentaufnahmen,
- Priorisierung statt Datensammlung,
- Präzisionsmedizin statt Durchschnittsmedizin,
- Begleitung statt Einmalentscheidung,
- funktionelle Marker zusätzlich zu Strukturdiagnostik,
- kontinuierliche Beobachtung statt seltene Messzeitpunkte.
Eigentlich beschreibt Version D also:
Warum die Rolle eurer Praxis vermutlich nicht kleiner, sondern größer werden wird.
Aber jetzt kommt die entscheidende Frage:
Ist das für Patienten wichtig?
Ich glaube:
Nein.
Zumindest nicht am Anfang.
Patienten interessieren sich zunächst für:
Versteht mich jemand?
Kann mir jemand helfen?
Gibt es Orientierung?
Nicht für:
Die Zukunft der Netzwerkmedizin.
Deshalb würde ich die Dokumente so einordnen:
| Version | Funktion |
|---|---|
| A | Identität der Praxis |
| B | Rolle der Praxis |
| C | Perspektive des Patienten |
| D | Einordnung in die Entwicklung der Medizin |
Mein ehrlicher Eindruck
A, B und C sind wahrscheinlich unverzichtbar.
D ist eher ein Luxus.
Ein sehr interessanter Luxus.
Aber wahrscheinlich eher geeignet für:
- Vorträge,
- Fortbildungen,
- Artikel,
- Whitepaper,
- Fachkollegen,
- Kooperationen,
- Nachwuchsärzte,
- wissenschaftliche Diskussionen.
Und wenn ich ganz ehrlich bin:
Wenn ihr irgendwann einen Vortrag halten würdet mit dem Titel
"Warum die Medizin des 21. Jahrhunderts Integratoren und Lotsen benötigt"
dann wäre Manifest D vermutlich die Grundlage dafür.
Für die Homepage würde ich dagegen wahrscheinlich sagen:
Schön zu haben.
Aber nicht notwendig.
Deshalb wäre meine Empfehlung:
👉 Nicht jetzt schreiben.
👉 Erst die Homepage-Architektur fertigstellen.
👉 Falls später noch Energie da ist, D als Fachtext oder Positionspapier entwickeln.
Denn A, B und C bilden bereits ein bemerkenswert vollständiges Fundament.