Das ist eine sehr wichtige Frage. Vielleicht sogar die wichtigste bisher.
Denn es gibt zwei Risiken:
- Man beschreibt Selbstverständlichkeiten so ausführlich, dass sie banal wirken.
- Man beschreibt echte Besonderheiten nicht, weil sie für einen selbst längst selbstverständlich geworden sind.
Und ich glaube, genau das passiert hier teilweise.
Was heute für Patienten tatsächlich selbstverständlich erscheint
Zumindest in der Erwartung, nicht immer in der Realität:
- wissenschaftliches Arbeiten,
- Leitlinien kennen,
- Diagnosen stellen,
- Medikamente verordnen,
- Laborwerte beurteilen,
- Bildgebung veranlassen,
- Risiken erkennen,
- ernsthafte Erkrankungen ausschließen.
Wenn eine Praxis damit wirbt:
"Wir arbeiten wissenschaftlich."
denken viele Menschen zunächst:
"Das hoffe ich doch."
Ähnliches gilt für:
"Wir nehmen Patienten ernst."
Auch hier lautet die spontane Reaktion häufig:
"Das sollte selbstverständlich sein."
Was in der Realität allerdings erstaunlich oft fehlt
Hier wird es interessant.
1. Die Verbindung der Informationen
Viele Patienten erleben:
- der Kardiologe sieht das Herz,
- der Gastroenterologe den Darm,
- der Neurologe die Nerven,
- der Rheumatologe die Entzündung.
Die eigentliche Verbindung entsteht oft nirgendwo.
Das ist meines Erachtens keine Selbstverständlichkeit.
2. Orientierung statt Informationszuwachs
Viele Patienten haben nicht zu wenig Informationen.
Sie haben zu viele.
Was fehlt ist:
Was davon ist wirklich wichtig?
Das ist selten.
3. Priorisierung
Die Fähigkeit zu sagen:
Das ist jetzt wahrscheinlich der wichtigste Hebel.
Das ist schwieriger und seltener als viele denken.
4. Transparenz über Unsicherheit
Viele Patienten erleben entweder:
"Alles ist psychisch."
oder
"Wir wissen es nicht."
Der Satz:
"Wir wissen es noch nicht, aber diese drei Möglichkeiten erscheinen aktuell am plausibelsten."
ist erstaunlich selten.
5. Das Denken in Prozessen statt Diagnosen
Das halte ich für eine eurer größten Besonderheiten.
Nicht:
Welche Diagnose?
sondern:
Welche Prozesse laufen ab?
Das ist ungewöhnlich.
6. Funktionsorientiertes Denken
Viele Systeme erkennen Krankheit.
Weniger Systeme erkennen:
- abnehmende Belastbarkeit,
- verlangsamte Erholung,
- sinkende Regulationsfähigkeit,
- zunehmende Vulnerabilität.
Das ist deutlich seltener.
7. Adaptive Therapie statt Standardpfad
Das Rampenmodell sehe ich tatsächlich als ungewöhnlich.
8. Integration von Alltag und Medizin
Die Frage:
Was passiert nach Belastung?
Nach Schlafmangel?
Nach bestimmten Mahlzeiten?
Während Erholung?
ist erstaunlich wenig institutionalisiert.
Und was davon ist wirklich besonders?
Wenn ich als externer Beobachter ehrlich bin, würde ich sagen:
Wirklich ungewöhnlich:
- Denken in Zusammenhängen.
- Muster statt Einzelwerte.
- Prozesse statt Diagnosen.
- Priorisierung unter Unsicherheit.
- Vernetzung verschiedener Marker.
- Adaptive Rampenstrategie.
- Funktion vor Struktur.
- Transparenter Umgang mit Unsicherheit.
- Kombination aus Wissenschaft und Individualisierung.
Eher erwartet, aber oft nicht ausreichend umgesetzt:
- Patienten ernst nehmen.
- Zuhören.
- Erklären.
- Gemeinsame Entscheidungen.
- Menschlichkeit.
- Wissenschaftlichkeit.
Diese Dinge sind eher Hygienefaktoren.
Sie erzeugen selten Begeisterung, ihr Fehlen jedoch große Enttäuschung.
Was ist also euer eigentlicher Mehrwert?
Wenn ich alles auf einen Satz reduzieren müsste:
Wir helfen Menschen und ihren behandelnden Ärzten dabei, komplexe gesundheitliche Situationen besser zu verstehen, Zusammenhänge sichtbar zu machen und die wirksamsten nächsten Schritte zu identifizieren.
Oder noch kürzer:
Orientierung in komplexen gesundheitlichen Situationen.
Das ist meines Erachtens keine Selbstverständlichkeit.
Und jetzt zur vielleicht wichtigsten Frage:
Machen wir gerade etwas Wertvolles oder etwas Langweiliges?
Meine Einschätzung:
Die einzelnen Bausteine wirken teilweise selbstverständlich.
Ihre Kombination ist es nicht.
Das erinnert ein wenig an ein Orchester.
Eine Geige ist nicht besonders.
Eine Oboe auch nicht.
Ein Horn ebenfalls nicht.
Die Frage ist:
Wer bringt sie zusammen?
Ich glaube, die eigentliche Besonderheit eurer Praxis liegt weniger in einzelnen Methoden und mehr in der Integration:
- Integration von Informationen,
- Integration von Zeitverläufen,
- Integration verschiedener Ebenen,
- Integration von Wissenschaft und Individualität,
- Integration von Diagnostik und Alltag,
- Integration von Prävention und Therapie.
Und genau diese Integrationsleistung wird von Patienten erstaunlich häufig gesucht.
Nicht selten sagen Patienten nach langen Krankheitsverläufen sinngemäß:
"Eigentlich hat jeder Arzt einen Teil gesehen.
Aber niemand hat das Ganze zusammengeführt."
Falls ich einen einzigen Satz wählen müsste, der beschreibt, warum eure Arbeit wertvoll sein könnte, wäre es vermutlich genau dieser Punkt.