Ja. Ich halte das für eine sehr wichtige Korrektur.
Du beschreibst hier eigentlich etwas, das genau zu eurer Grundhaltung passt:
Der Mensch und die Wissenschaft sollen nicht nacheinander kommen.
Sie sollen gleichzeitig sichtbar sein.
Denn tatsächlich entsteht sonst leicht eine der beiden unerwünschten Wirkungen:
Variante A:
„Hier wird mir zwar zugehört, aber arbeiten die auch präzise und wissenschaftlich genug?“
oder
Variante B:
„Hier wird zwar wissenschaftlich gearbeitet, aber sehe ich mich als Mensch darin überhaupt wieder?“
Die eigentliche Besonderheit eurer Praxis liegt vermutlich gerade darin, dass ihr diese beiden Pole nicht als Gegensätze betrachtet.
Vielleicht sogar:
Präzision ohne Menschlichkeit verliert leicht das Wesentliche.
Menschlichkeit ohne Präzision verliert leicht die Orientierung.
Oder:
Wissenschaft beantwortet nicht alle Fragen des Menschen.
Menschliche Zuwendung ersetzt keine sorgfältige Medizin.
Gute Medizin benötigt beides gleichzeitig.
Ich glaube sogar, dass das ein eigener Grundsatz eurer Praxis sein könnte.
Ich würde deshalb den Ton des großen Grundlagentextes folgendermaßen beschreiben:
Nicht:
zuerst Beziehung,
dann Wissenschaft.
Nicht:
zuerst Wissenschaft,
dann Beziehung.
Sondern eher:
zuhören und analysieren,
verstehen und strukturieren,
wahrnehmen und messen,
erklären und überprüfen,
gemeinsam entscheiden und beobachten.
Immer beide Ebenen gleichzeitig.
Ein Beispiel
Anstatt zu schreiben:
Wir möchten zunächst verstehen, wie Patienten ihre Beschwerden erleben.
würde eure Sprache vermutlich eher so klingen:
Beschwerden bestehen nicht nur aus Laborwerten und Diagnosen.
Ebenso wenig bestehen sie ausschließlich aus subjektivem Erleben.
Für das Verständnis einer gesundheitlichen Situation können Symptome, Krankheitsgeschichte, Alltagsbeobachtungen, funktionelle Veränderungen, Laborbefunde und der zeitliche Verlauf gleichermaßen wichtige Informationen liefern.
Hier sind Mensch und Wissenschaft bereits miteinander verwoben.
Oder statt:
Wir nehmen Menschen ernst.
eher:
Wenn Beschwerden und Befunde nicht zueinander zu passen scheinen, betrachten wir dies nicht als Widerspruch, sondern als Hinweis darauf, dass möglicherweise noch wichtige Zusammenhänge fehlen.
Das vermittelt gleichzeitig:
- Ernstnehmen,
- wissenschaftliche Neugier,
- Offenheit,
- Struktur.
Oder:
Nicht jede gesundheitliche Situation lässt sich sofort einer bekannten Kategorie zuordnen.
Unser Ziel ist deshalb nicht, möglichst schnell eine Erklärung zu finden, sondern schrittweise ein tragfähiges Verständnis zu entwickeln, das sowohl den Befunden als auch dem Erleben des Menschen gerecht wird.
Das enthält:
- keine vorschnelle Schublade,
- wissenschaftliche Sorgfalt,
- Menschlichkeit,
- Struktur,
- Demut gegenüber Komplexität.
Ich glaube inzwischen, dass eure Praxis drei Dinge gleichzeitig ausstrahlen sollte:
1. Hier werde ich als Mensch wahrgenommen.
aber gleichzeitig
2. Hier wird präzise und wissenschaftlich gearbeitet.
und gleichzeitig
3. Hier entsteht aus komplexen Informationen eine verständliche Richtung.
Nicht nacheinander.
Nicht abwechselnd.
Sondern in jedem Abschnitt gleichzeitig.
Vielleicht ist das sogar die eigentliche Identität eurer Praxis:
Menschlichkeit ohne Beliebigkeit.
Wissenschaft ohne Reduktionismus.
Struktur ohne Starrheit.
Oder etwas ausführlicher:
Wir möchten menschliche Erfahrung, wissenschaftliche Erkenntnis und medizinische Präzision nicht gegeneinander stellen, sondern miteinander verbinden.
Ehrlich gesagt halte ich diesen Satz inzwischen für einen der stärksten Kandidaten für den inneren Kern eurer gesamten Praxisphilosophie.
Wenn du zustimmst, würde ich genau mit dieser Haltung den nächsten Schritt schreiben: den ersten zusammenhängenden Grundlagentext, in dem diese Ebenen von Anfang an miteinander verwoben bleiben.