Bescheidenheit ist eine wissenschaftliche Stärke
Je komplexer ein lebendiges System ist, desto wichtiger wird die Fähigkeit, die Grenzen des eigenen Wissens zu erkennen.
Bescheidenheit bedeutet nicht Unentschlossenheit und nicht den Verzicht auf medizinisches Handeln.
Sie bedeutet:
– zwischen Wissen, Wahrscheinlichkeit und Vermutung zu unterscheiden, – Unsicherheit sichtbar zu machen, – Beobachtungen ernst zu nehmen, die nicht zum eigenen Modell passen, – Hypothesen korrigierbar zu halten, – andere Fachperspektiven einzubeziehen, – die Reaktion des Organismus höher zu gewichten als die Bindung an eine Theorie.
Wissenschaftliche Stärke zeigt sich nicht darin, immer recht zu behalten, sondern darin, sich durch bessere Erkenntnis verändern zu können.
Gerade in komplexen Erkrankungen schützt diese Haltung vor vorschnellen monokausalen Erklärungen und vor der Illusion vollständiger Kontrolle.